Erlebnisberichte
Neuwerk
Geschrieben von: Monika und Walter , Samstag, 13. November 2010
Keine Promenade, nur 100 Meter Strand, keine Disco, kein Geldautomat, dafür das Schreien von Tausenden von Pfeifenten, Ringel- und Nonnengänsen, 36 Insulaner, davon 3 Kinder, fünf Gaststätten, ein Laden, vier Telefonzellen und zwei Briefkästen, das und noch viel mehr ist Neuwerk.
Am 1.7.2010 will die Lauftreff Senioren Wandergruppe „Grautvornix" die Insel und den Weg dorthin erkunden. Von Sahlenburg bei Cuxhaven soll es durchs Watt gehen, und wegen der Tide heißt es sehr früh aus den Federn. Als wir um 9.30 in Sahlenburg ankommen (wir haben angenehme 18-27°C und leichte Bewölkung), ist das Wasser bereits weit in die Nordsee zurück geflossen, so dass es gleich losgehen kann. Vorher noch kurz und individuell präparieren, Sonnenschutz auftragen, Hosenbeine kürzen, Sandalen an oder aus. Von weitem grüßt uns bereits das Wahrzeichen von Neuwerk im XXL Format, der Leuchtturm, ein Koloss, 45 Meter ragt er empor, 238 Stufen im angebauten Treppenhaus führen zur Spitze. Die Insulaner sind mächtig stolz auf ihr Wahrzeichen, auch wenn es heute ohne jedwede strategische oder wirtschaftliche Bedeutung ist.
Nun gibt es kein Halten mehr, wir machen uns auf den schlammigen Weg, zusammen mit Scharen von Gleichgesinnten, das Gehen ist anfangs etwas mühsam, die Füße versinken im Schlamm, ablaufende Priele sind zu durchwaten, scharfe Muscheln zu umgehen. Da blickt man zunächst etwas neidisch auf die vorbeipreschenden Reiter, auch wenn diese schlammbespritzter sind als wir. Gemütlich wäre es bestimmt auch auf einem der zahlreichen Wattwagen, von munter trabenden Pferden gezogen. Aber schließlich wollen wir uns die Fischbrötchen auf der Insel verdienen und waten begeistert weiter. Schien die Insel anfangs zum Greifen nah, kommt sie jetzt kaum näher. Die Wattwege sind gut markiert, zweimal taucht ein seltsames Gebilde auf, ein Sicherheitsturm, mit einer Leiter zu erklimmen, wenn man in Not gerät.
Das war bei uns zum Glück nicht der Fall, und so erreichen wir alle acht nach ca. zweieinhalb Stunden unser Ziel. Ermattet sinken wir auf die Deichkrone und stöbern in unseren Rucksäcken nach Ess- und Trinkbarem. Dann geht es auf Erkundung des drei Quadratkilometer großen Eilandes, auf dem doppelt so viele Pferde wie Einwohner leben. Seit 1969 gehört Neuwerk zum Hamburger Bezirk Mitte und ist sein kleinster Stadtteil mit der Postleitzahl 27499. Die Inselschule besuchen zurzeit 3 Kinder, bald nur noch zwei, da nach der vierten Klasse Schluss ist und die Kinder ins Internat auf das Festland müssen. Abschreiben ist im Unterricht leider zwecklos, da die Kinder unterschiedliche Aufgaben, ihrem Alter entsprechend, bearbeiten.
Bevor wir zu den langersehnten Fischbrötchen eilen, können wir uns in einer Fußwaschanlage vom Schlamm befreien. Nachdem sich alle endgültig ausreichend gestärkt haben, brechen wir zu einer Inselumrundung auf der Deichkrone auf, eine knappe Stunde soll sie dauern, das erlaubt unsere Kondition gerade noch, wir blicken auf die unberührte Natur im Vorland, wo Flora und Fauna ungestört gedeihen können. In der Ferne im Hauptfahrwasser der Elbe ziehen riesige Containerschiffe vorbei. Wie nicht anders zu erwarten stranden wir danach im Café, wo wie immer die nachfolgende Kalorienaufnahme im ungünstigen Verhältnis zum Verbrauch erfolgt.
Dermaßen aufgebaut gehen wir zum Fähranleger und fahren über die jetzt vollgelaufenen Priele und die Elbe nach Cuxhaven. Die eineinhalb Stunden lange Fahrt ist kein Genuss, die Fähre ist ausgebucht, auf dem offenen Deck ist kein Platz mehr und drinnen ist es stickig warm, wir vermissen die klare Luft von Neuwerk. Ein ebenso voller Shuttlebus bringt uns zurück nach Sahlenburg zu unseren Autos. Mitternacht ist nicht mehr fern, als wir in Hamburg ankommen. Es war ein erlebnisreicher Tag mit vielen neuen Eindrücken.
Und die Insel? Sie wartet auf die nächsten Gäste, schließlich lebt sie davon, doch bis sie kommen stört kein Autolärm, keine Disco, keine Touristen auf der Strandpromenade. Die Insel gehört nur den Insulanern und den Tieren.